Mürztaler Verkehrs GmbH, Wiener Straße 42, 8605 Kapfenberg
CHRONIK
Die MVG-Chronik ab 1943

Die Mürztaler Verkehrsgesellschaft m.b.H.

Das Gebiet um die Einmündung der Mürz in die Mur in der Steiermark gehört zu den Zentren der österreichischen Stahlindustrie. Die bedeutendsten Orte sind die nur 5 km entfernten Städte Bruck an der Mur und Kapfenberg mit den bekannten Böhlerwerken. Für die Belegschaft dieser umfangreichen Unternehmen wurden auch mehrere Wohnsiedlungen in der näheren Umgebung angelegt. So entstand natürlich auch ein reges Verkehrsbedürfnis im Mürztal. Seit 1926 betrieb die "Brucker Autobus-Verkehrsgesellschaft m.b.H." eine Autobuslinie von Bruck nach Kapfenberg und weiter zu den Böhlerwerken, bzw. über die Wohnsiedlung Schirmitzbühel nach Kindberg. Angeboten wurden durchwegs ein 30 Minutenintervall. Schon bald nach Kriegsbeginn konnte diese Linie den durch Rüstungsaufgaben stark angestiegenen Verkehr nur mit Mühe bewältigen. So plante man um 1940 ein elektrisches Nebenbahnnetz für das untere Mürztal. Kriegsbedingter Materialmangel ließ das Projekt aber über das Planungsstadium nicht hinauskommen. Dem Trend der Zeit entsprechend wurde nun an eine Obusanlage gedacht. Oberleitungsomnibusse neuer Bauart waren damals seit 1940 in Salzburg und seit 1941 in Graz erfolgreich in Betrieb.
Im November 1941 fand in Kapfenberg eine Interessentenbesprechung statt und am 11.12.1941 lag ein von den Grazer Verkehrsbetrieben ausgearbeitetes Gutachten vor.
Die Planung umfaßte im Wesentlichen das heute bestehende Netz, nämlich die Hauptlinie von Bruck über Kapfenberg zum Schirmitzbühel mit Seitenstrecken nach Redfeld und zum Böhlerwerk VI.


Wie dringend die Errichtung einer Obusanlage eingeschätzt wurde, ist daraus zu erkennen, daß noch vor einer Firmengründung eine Bestellung für 15 Obusse und 10 Anhänger aufgegeben wurde. Am 01.01.1943 erging an die Firma Brown-Boveri der Trassierungsauftrag und am 08.01.1943 wurden 850 Holzmaste bestellt. Der Autobusverkehr unterlag ab 1943 drastischen Einschränkungen durch Treibstoffmangel. Vorerst wurde das Intervall auf 60 Minuten gedehnt, ab 8. September 1943 wurde der Verkehr während bestimmter Tageszeiten völlig eingestellt und seit Anfang Dezember 1943 konnten nur mehr die nötigsten Fahrten im Berufsverkehr durchgeführt werden. Unter Schwierigkeiten konnte dieser Notbetrieb bis 3. Juni 1944 aufrechterhalten werden, danach mußte der Verkehr eingestellt werden. Die Brucker Autobus-Verkehrsgesellschaft war das einzige Unternehmen im Land Steiermark, das von der gänzlichen Stillegung betroffen war. Aufgrund des Reichsleistungsgesetzes wurden Autobusse der BAVG schon vorher auf Fremdlinien nach Tragöß und von Leoben nach Donawitz eingesetzt. Der fast neue Gräf & Stift-Stadtautobus Typ V 7 mußte an den Unternehmer Krieger in Wörschach für die Linie Rottenmann - Liezen und der ebenfalls fast neue Henschel-Diesel an die Firma Kaufmann in Murau übergeben werden.
Zur Errichtung einer Obusanlage wurde nun am 23. April 1943 in Kapfenberg die "Mürztaler Verkehrsgesellschaft m.b.H." (MVG) gegründet, die ungesäumt die zeitbedingt sehr schwierigen Vorarbeiten für den neuen Verkehrsbetrieb weiterführte. Am 01.07.1943 wurden dann auch alle Anteile der BAVG erworben, womit die MVG für den gesamten Nahverkehr im unter Mürztal zuständig war. Mit der BAVG wurden 7 Autobusse und 2 Anhänger übernommen.
Am 10. November 1943 begannen die Bauarbeiten an den 3 Gleichrichtergebäuden und im Gleichrichtwer II die Elektromontagearbeitenseitens der Firma Elin. Ende September 1944 war dieses Gleichrichterwerk behelfsmäßig betriebsbereit. Ab 23. November 1943 begannen dann auch die Arbeiten an der Fahrleitungsanlage.
 

Bis Anfang August 1944 waren die Maste - sowohl Doppelholz- als auch Schleuderbetonmaste - zwischen Bruck und Kapfenberg größtenteils und weiter zum Werk VI vollständig aufgestellt worden. Anschließend begannen die Mastsetzungen in Richtung Schirmitzbühel und zwischen Kapfenberg und Werk VI wurde mit der Aufhängung der Fahrleitung begonnen. Zweispurig war nur die Strecke Bruck - Kapfenberg vorgesehen, die übrigen Strecken einspurig. Elektrische Fahrleitungsweichen waren damals nicht beschaffbar, weshalb nach der Betriebsaufnahme bei Abzweigungen und außerplanmäßigen Kreuzungen die Stangen umgehängt werden mußten.
Maste wurden auch auf der letzten Teilstrecke nach Redfeld und weiter auf der Zufahrtsstrecke zur geplanten Obuseinstellhalle Redfeld aufgestellt. Damals plante man auch noch eine Ergänzungsstrecke vom Schirmitzbühel bis nach St. Marein zum Werk XII, hier kam es aber nur mehr zu wenigen Vorarbeiten.


Der Bau der Obushalle Redfeld kam durch Weisung aus Berlin aber nicht mehr zustande. Böhler bot als Behelfslösung eine Halle des Werks VI an, die MVG fand dies damals als keine praktisch anwendbare Lösung. Doch bald änderte die Geschäftsführung ihre Meinung, nahm das Angebot an und aus dem Provisorium wurde eine bis heute bestehende Dauerlösung.
Nach Beschaffung von wenigstens 4 Obussen und vor allem von Reifen konnte am 20. Oktober 1944 der fahrplanmäßige Obusverkehr Kapfenberg - Werk VI aufgenommen werden. Nach Überwindung vieler Schwierigkeiten war ab 11. Februar 1945 die Ausdehnung des Betriebes bis Bruck, Koloman-Wallisch-Platz möglich.
 

 
So lief der Obusverkehr in den Kriegs- und Nachkriegsjahren.
Anstelle der Fenster gab es Holzplatten, die Fahrleitung
war an Holzmasten aufgehängt. Kriegs-Obus 10 noch
mit dem deutschen Kennzeichen St 31.332 in Diemlach
Richtung Kapfenberg.
Foto: Dr. Pötschner, 1946

 

Die Strecke zum Schirmitzbühel konnte fahrleitungsmäßig nur teilweise fertiggestellt werden, zu einer Betriebsaufnahme kam es vor Kriegsende nicht mehr. 1945 kam es zu schweren Beschädigungen der Obusanlage durch Bombenangriffe. Der rudimentäre Restbetrieb endete am 9. April 1945 beim Einmarsch der Roten Armee in Bruck und Kapfenberg.
Nach schwierigen Wiederherstellungsarbeiten konnte der Betrieb Bruck - Werk VI ab 29.10.1945 wieder aufgenommen werden. Die nicht sachgemäß hergestellte Fahrleitungsanlage zum Schirmitzbühel mußte nachgerüstet werden, weshalb der Betrieb auf diesem Teilstück erst ab 6. August 1946 möglich war.
Der Ausbau der Redfeld-Linie scheiterte vorerst an der fehlenden Genehmigung der Eisenbahnaufsichtsbehörde für die höhengleiche Kreuzung der Obuslinie mit der Südbahnstrecke. Auch machte das Fehlen von Fahrleitungsweichen einen planmäßigen Betrieb illusorisch.
1949 begann verstärkt der Austausch der vielfach schon morschen Holzmaste gegen Betonmaste. In eigener Werkstätte wurden nun Fahrdrahtweichen entwickelt und Anfang Mai 1949 am Schirmitzbühel eingebaut. Sie entsprachen vollkommen den Betriebsbedingungen, weshalb nach diesem Muster weitere Weichen angefertigt wurden.


Im März 1949 wurde die Redfeldlinie zunächst mit einem Dieselbus eröffnet, dieser Betrieb konnte wenig befriedigen. Seitens der ÖBB wurde nun die Betriebsbewilligung für die Eisenbahnkreuzung erteilt, im Hinblick auf eine geplante Elektrifizierung jedoch auf 10 Jahre befristet. So wurde nun die 1,65 km lange Strecke im Jahre 1950 fertiggestellt und am 12. November einspurig in Betrieb genommen.
Im Regelfall fuhren nun die Wagen auf der Hauptlinie zwischen Bruck und Schirmitzbühel, der Redfelder Obus mehrmals täglich durchgehend bis Werk VI. Zum Schichtwechsel wurden direkte Einschubwagen Bruck - Werk VI gefahren. Auf der Redfeldlinie wurden auch weitere Fahrdrahtweichen eingebaut, die eine wesentliche Betriebsbeschleunigung brachten. 1951 waren dann alle Abzweigungen mit Weichen ausgestattet, womit das umständliche Umhängen der Kontaktstangen entfallen konnte. In Kapfenberg war von Anfang an am damals nur geschotterten Europaplatz eine Wendeschleife eingerichtet, die aus allen Richtungen befahren werden konnte. Unvergessen ist sicher auch das an der Westseite des Platzes gelegene hölzerne "Obus-Buffett", das als Wartehalle und Verpflegsstation diente.

 
Ende der fünfziger Jahre konnten die Obusse wenigstens
neu lackiert werden. Obus 10 in hellgrünem Anstrich in der
Grazer Straße auf der
alten Trasse bei der Mörtl-Kreuzung.
Foto: Wöber, 1949

 

1951 wurde die Strecke zum Schirmitzbühel und 1954 die Redfeldlinie zweispurig ausgebaut und damit ein flexibler Betrieb ermöglicht. Ab 1956 begannen dann die jahrelangen Anpassungen von Streckenführung und Fahrleitung an die geänderte Trassenführung der Bundesstraße.
Den Beginn machte 1956 die Nordausfahrt Kapfenberg, von 1958 bis 1960 wurde die Umfahrung Schimitzbühel gebaut und der Obus benutzt seither die beiden Einbahnstraßen. Wegen der bevorstehenden Elektrifizierung der Südbahn wurde im Dezember 1962 die Mörtl-Kreuzung aufgegeben und die Obuslinie durch die Unterführung der Kapfenberger Umfahrungsstraße geführt. Aus dem gleichen Grund mußte ab 1. April 1963 der Obusbetrieb nach Redfeld aufgegeben und durch einen Dieselbus ersetzt werden.
 

Von 1961 bis 1963 erfolgte abschnittsweise die Neutrassierung der Bundesstraße im Bereich Berndorf, die alte, enge Straße am Berghang wurde aufgegeben. Etliche Obusmaste verdeutlichen noch heute die frühere Linienführung. In der Fahrgastbedienung kam es ebenfalls zu Änderungen. So wurden ab 1955 die ersten Schaffnerinnen bei der MVG eingestellt; die letzte Schaffnerin, Frau Waltraud Stoppacher, war bis 03.07.1995 am Wagen 23. Seit 1968 wurde die Schaffnerarbeit durch Abschaffung der Lochzangen und Einführung von Fahrscheinstempeln vereinfacht und erleichtert. Im März 1966 wurden die ersten Versuche mit dem Einmannbetrieb gemacht, der dann nach und nach auf allen Linien außerhalb der Hauptverkehrszeiten eingeführt wurde. Die 1969 beschafften praktischen ALMEX-Fahrkartenausgabegeräte haben wesentlich zum Erfolg dieser Rationalisierung beigetragen.


Eine originelle Lösung fand die MVG 1971 bei der Neugestaltung des Brucker
Hauptplatzes. Um sich eine aufwendige provisorische Fahrleitung zu ersparen,
wurden die Obusse von einem Traktor über Herzog-Ernst-Gasse - Am Grazer-
tor zum Minoritenplatz gewendet.
Foto: Lehnhart, 25.09.1971

 

1972 wurde in Kapfenberg die Unterführung der Mariazeller Bundesstraße unter der Südbahn fertiggestellt, damals war im westlichen Europa der Obus aber wenig gefragt und so blieb es beim Dieselbusbetrieb nach Redfeld.
Ab 28. Oktober 1981 ermöglichte ein neuer Straßendurchbruch am Mürzbogen eine verbesserte Linienführung in Richtung Kapfenberg. 1982 begann die Neugestaltung der Brucker Innenstadt. Die Mittergasse wurde zur Fußgängerzone und die bisherige Schleifenfahrt Roseggergasse - Wallischplatz - Mittergasse wurde auf Herzog-Ernst-Gasse - Wallischplatz Westseite - Roseggergasse geändert. Wenige Tage später, ab 1. Juni 1982 wurde die Verlängerungsstrecke Bruck Wallischplatz - Forstschule in Betrieb genommen. Seither wenden nur mehr wenige Kurse am Wallischplatz.
1978 bekam der Betrieb optisch eine neue Identität durch den neuen auffallenden orangen Anstrich anstelle des bis dahin gebräuchlichen lichten Grüns.
 

1982 und 1983 kam es zur völligen Neutrassierung der Straße zum Werk VI, um die Zubringer zur Mürztal-Schnellstraße anlegen zu können. In mehreren Etappen wurde die Obusfahrleitung auf die neue Straße verlegt und auch die Endschleife beim Werk VI wurde neu situiert. Heute erinnern nur mehr die Widerlager der alten Mürzbrücke an die Lage der früheren Werk VI-Straße. Das gesteigerte Umweltbewußtsein machte auch die Wiederelektrifizierung der Linie nach Redfeld möglich, die seit 12. September 1983 wieder mit Obussen befahren wird. Durch die Indienststellung der Obusse 15 und 16 ab 1986 gibt es bei den Kursen nach Winkl einen interessanten Mischbetrieb. Die Wagen fahren bis zur Abzweigung Winklerstraße mit Oberletung, senken die Stangen ab und fahren dann mit dem Hilfsdiesel den Rundkurs durch die Winklerstraße und Mariazeller Straße zur Schleife Redfeld, wo wieder die Stangen angelegt werden.
 

Als vorerst letzte Ausbaumaßnahme wurde am 10. Juni 1985 die Verlängerung ab Schirmitzbühel bis zur Viktor-Adler-Straße in der Siedlung Apfelmoar dem Verkehr übergeben. Es ist dies wohl einer der seltenen Endpunkte, wo die Zielangabe im Dialekt erfolgt. Verbesserungen gab es noch ab 23. September 1987 in der Kapfenberger Innenstadt, wo seither Richtung Bruck über Schmiedgasse - Mürzgasse gefahren wird und der Kapfenberger Koloman-Wallisch-Platz obusfrei wurde, weiters 1989 an der Kapfenberger Nordeinfahrt, wo die einmündende Umfahrungsstraße nunmehr kreuzungsfrei unterfahren wird.








 

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